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Mein feierlicher Abschied der Berufsschule endete in einem emotionalem Peinlichkeitsfiasko. Es war der Tag, an dem wir unsere Abschlusszeugnisse am OSZ Lichterfelde Süd abholen sollten. Unbeschwert traten wir den Weg an, um das letzte mal dieses schreckliche Gemäuer zu betreten. Dort angekommen warteten schon Hunderte von Schülern, Eltern und weiteren Bekannten darauf, dass ihre Kinder ihr Abschlusszeugnis in die Hände bekommen.
Die Veranstaltung war grauenhaft organisiert. Erst nahmen alle in der umgebauten Mensa Platz, dann sollten alle wieder raus für Abschlussfotos. Dann alle wieder rein und dann begann auch schon die Trauershow. Da die geplante Band zur Abschlussfeier kurzfristig abgesprungen ist, sprang eine verdammt peppige Band aus dem Schulchor ein, bestehend aus einem Pianisten, einem Kontrabass-Spieler und jemandem mit einer Art Flöte, diese lange da, keine Ahnung wie die heißt. Na jedenfalls begannen sie zu spielen und zwar ein Stück, welches ich mir schon mal für meine Beerdigung vorreserviert habe, da ich so etwas trauriges nur selten gehört habe. Nun ja, das Publikum war mehr als gelangweilt und unterhielt sich demonstrativ mit den Nachbarn um sich herum, so dass die Eröffnungsband kaum zu hören war. Als nach ca. 10 Minuten die Trauersymphonie zu unserer freudigen Abschlussveranstaltung beendet war, applaudierte das Publikum frenetisch, weil es erlöst war.
Es folgten grauenhafte Ansprachen der Schulleiter, die über die katastrophal klingende Lautsprecheranlage kaum zu verstehen waren. Sie trugen Gedichte vor, die niemanden interessierten und diese Veranstaltung mehr und mehr zu einem Desaster verkommen ließen.
Dann der Höhepunkt des Grauens. Aus dem Saal, besetzt mit ca. 500 Zuschauern, sollten nun einzelne Personen aus den verschiedenen Klassen rausgepickt und geehrt werden. D. h., sie haben ein Buch geschenkt bekommen, welches eine persönliche Widmung des Lehrers enthielt. Ich habe diesen Sachverhalt noch nicht ganz verstanden, da ertönte schon mein falsch ausgesprochener Name als erstes über die quietschenden Lautsprecher. "Oh Gott", dachte ich nur! Gäbe es in diesem Moment die Möglichkeit buchstäblich im Boden zu versinken, ich wäre als erster abgetaucht. Allgemeine Verunsicherung trat auf, was denn nun passieren sollte. Nun ja, es war klar, dass ich nach vorne musste. Tausend Augen starrten mich nun an, wie ich mich durch die viel zu engen Reihen, jedem zweiten Schüler auf die Füße tretend, nach vorne durchkämpfte. Es war ein herrliches Gefühl zwischen Ehre und in Ohnmacht fallen vor grenzenloser Peinlichkeit. Vorne angekommen stand ich nun hilflos da, nicht wissend was jetzt folgen sollte. Doch der Schulleiter rief weitere Schüler auf, die Situation entspannte sich zunächst.
Dann begann die festliche Überreichung der Bücher. Einer nach dem anderen bekam seine Widmung vorgetragen, ein anschließendes Händeschütteln des Schulleiters sowie ein Applaus des Publikums folgte. Ich war der viert letzte, der endlich von seinen Qualen erlöst wurde. Doch bevor ich meine Widmung vorgelesen bekam, kam der nächste Brüller! Ich wurde ca. 1 Woche zuvor vom Schulleiter in der mündlichen Prüfung rangenommen, der jetzt vor mir stand und mich musterte. Bevor er den Text aus dem Buch vorlas leitete er sich mit folgenden Worten ein: "Ja David, Sie sind ja letzte Woche auch bei mir knapp an den 100 Punkten vorbeigeschossen nicht war?!" Das sollte wohl so was wie witzig sein. Aus der Reaktion des Publikums ließ sich jedoch aufgrund der nun anstehenden Buh-Rufe ablesen, dass ich wohl jetzt zum absoluten Megastreber in die Annalen der Geschichte dieses Jahrgangs eingegangen bin. Auch wenn ich nach dem Abtritt von der Bühne bei den Schülern wieder in Vergessenheit geraten würde, war dieser Moment einfach nur schön!
Nun gut, mein Lehrer ließ dann über den Schulleiter vor 500 Zuhörern folgendes verlauten:
... "Von tausend Erfahrungen die wir machen, bringen wir höchstens eine zur Sprache, und auch diese bloß zufällig und ohne die Sorgfalt, die sie verdiente". "Wenn es so ist, dass wir nur einen kleinen Teil von dem leben können, was in uns drin ist - was geschieht mit dem Rest?"
Manchmal kommt Philosophie auf leisen Sohlen daher. Solltest du dich also ab und zu an die Leichtigkeit toskanischer Abende erinnern, so verwende und verschwende deinen Geist - weiter und immer weiter in diese Richtung!
Herzlichen Glückwunsch zur bestandenen Prüfung. Ich bin sehr dankbar, dich zwei Jahre begleitet zu haben. Vielen Dank für die wundervollen Gespräche!
Damit erinnerte unser Lehrer noch mal an unsere "Bildungsreise", die wir vergangenen Sommer in der Toskana machten. Neid anderer Klassen, die keine Bildungsfahrt machten, kam in diesem Moment natürlich nicht auf.
Nun, und was den Inhalt der an mich gerichteten Worte angeht, ja, ich und mein Lehrer haben ein wenig rumphilosophiert, als wir in der Toskana waren. Da er eine Philosophiestudium abgeschlossen und ich selber Hobbyphilosoph bin, kam da interessante Sachen bei raus.
Was für ein Abgang!